Samstag, 13. Oktober 2012

Tim Burton. Das Genie, der Künstler, seine Gedankentiefe und seine Relevanz.

„Wenn ich mich an einem Horror-Film versuchen sollte, würde ich ein realistisches Porträt meiner Heimat Burbank drehen – das wäre sehr schockierend.“ 


Dass Tim Burtons Filme phantastische Schauermärchen, düstere Erzählungen eines Genies kreiert und er uns mit seinen Werken in andere Welten verschlingt, seine atemberaubende Ästhetik und Detailverliebtheit bis ans Unglaubliche grenzt, ist eigentlich kaum zu übersehen. Doch in Tim Burtons Filmen wird etwas noch viel beachtlicheres erkennbar: Es ist sein Herz für Außenseiter. Seine Helden sind Sonderlinge oder Außenstehende der Gesellschaft, was Burton in seinen Filmen einfühlsam und mitmenschlich beurteilt. Er selbst sagte in einem Interview einmal „Ich habe mich immer als Außenseiter gefühlt. Und egal, wie erfolgreich du wirst, was für eine liebevolle Familie und gute Freunde du später hast. Dieses Gefühl bleibt, es vergeht nicht. […] Wo ich aufgewachsen bin, wurden alle Menschen kategorisiert. Filme zu machen, war meine Art der Gegenwehr.“

Und diese autobiografische Ebene in seinen Filmen ist beeindruckend: Sei es in seinem Kurzfilm ‚Vincent‘ über den etwas andersartigen Jungen („While other kids read books like Go, Jane, Go!, Vincent’s favourite author is Edgar Allen Poe.“) oder ganz besonders in seinem Batman-Meisterwerk ‚Batmans Rückkehr‘: Wir sehen die langsam verzweifelnde, völlig vereinsamte Selina Kyle – Michelle Pfeiffer in der Rolle ihres Lebens – die später zur Art „Heldin“ Catwoman wird; den Pinguinmann, der ungewünscht von seinen Eltern in den Fluss geworfen wurde und als Oswald Cobblepot in Gotham City langsam „zu gewinnen“ scheint; oder sei es Batman selbst, der als Bruce Wayne ein Niemand ist, doch als Batman zum Helden wird. Besonders mit seinen Figuren Batman, Catwoman und Oswald Cobblepot in ‚Batmans Rückkehr‘ entlarvt Burton die Ungerechtigkeit der Gesellschaft, die den „einfachen und bescheidenen“ Menschen nicht zu lieben weiß; der Mensch muss erst zum Helden fungieren, um gesehen zu werden. 
Auch Charaktere wie der Riese in ‚Big Fish‘ bildet ein Bild des Außenseiterseins und der Furcht vor dem Anderssein in der Gesellschaft; genau wie Edward D. Wood Jr. aus ‚Ed Wood‘, der nicht weniger als ein liebenswerter und lebensbejahender junger Mann ist, doch von der Gesellschaft nur oberflächlich durch seine „miesen“ Filme verurteilt wird. Die von der Öffentlichkeit bekanntlich belächelten Homosexuellen, Transsexuellen und nicht zuletzt die Tatsache, dass der sympathische Protagonist selbst gerne in Frauenkleider schlüpft, dadurch nicht schwul ist, sondern aus dem einfachen Grund, weil er Frauen liebt, zeigt Tim Burton in ‚Ed Wood‘ wie die normalsten Menschen der Welt. Oder Alice in ‚Alice im Wunderland‘, die aus ihrer Gesellschaft, in der sie den langweiligen baldigen Lord heiraten soll, entflieht, wird plötzlich zur Heldin ihrer Fantasiewelt. Gleiches Spiel in Burtons neustem Film ‚Dark Shadows‘: Johnny Depp gibt in seinem Hauptcharakter doch nichts anderes als einen nichts verstehenden Mann, der sich in der heutigen Welt nicht zurecht findet; quasi ein Außenstehender, der die Erde nicht mehr versteht. Und dennoch steht er im kompletten Film doch als das Highlight, als der geheime Star, dar. 

In seinem sensiblen Meisterwerk ‚Edward mit den Scherenhänden‘ wird dieses Bild besonders erkennbar: Der Sonderling, schwarz und düster gekleidet und in seiner Seele vereinsamt und verlassen, wohnt am Rande der quietschbunten Stadt – wie ausgestoßen von den „Normalen“ schwebt sein schloss abseits der Stadt in der hintersten und dunkelsten Ecke. Als er ins Städtchen kommt, entlarvt Burton immer mehr die fehlende Toleranz und die Vorurteile der Menschen. Und ein ganz anderes wiederkehrendes Thema Burtons fließt in diesen Film hinein: Die Vater-Sohn-Beziehung; hier zwischen Edward und seinem neuen Vater; später ebenfalls vorhanden in ‚Big Fish‘ im problematischen Verhältnis zwischen William und seinem Vater; oder auch in ‚Ed Wood‘, in welchem sich Bela Lugosi langsam zur Vaterfigur von Edward entwickelt.

Mit seinen Sonderlingen und Außenseiterfiguren, die Burton immer wieder wie Helden, Sympathieträger oder wie die „Stars des Films“ behandelt, teilt er uns ein wunderbares Menschenbild mit, indem er von seinem Herzen aus, da er doch selbst einer von ihnen sein könne, dem Zuschauer ein Herz für sie entwickeln lässt. „Außenseiter“ ist für Tim Burton keine Abwertung, sondern eine Herzensangelegenheit. Und die lässt er dem Zuschauer spüren. Burton zeichnet nicht nur ein warmherziges Appell an Sonderlinge dieser Welt, sondern darüber hinaus eine verborgene Gesellschaftskritik über die Intoleranz der Menschheit, der Unduldsamkeit vor dem Anderssein. Burton sagt uns: Fragwürdig, das seid ihr. Die Helden, das Besondere, die „Stars“ dieser Welt, das sind wir. 

Ein weiteres Motiv Burtons wird besonders in seinen Filmen ‚Corpse Bride‘ und ‚Beetlejuice‘ erkennbar: Eine seltsame Welt oder bizarre Barriere zwischen Leben und Tod, oder: unsere Welt und das Reich der Toten, irgendwo im Nirgendwo. Auf die Feststellung, dass Burton den Tod charmant umarmt, antwortete er: „Das hat natürlich damit zu tun, dass wir in einer Gesellschaft leben, in der Tod immer nur als düsteres Element betrachtet wird. Ich bin in Los Angeles aufgewachsen, da gibt es viele Latinos, die den Day of Death – das ist irgendwann um Halloween herum – feiern, mit tanzenden Skeletten. Da wird, obwohl es um den Tod geht, das Leben gefeiert. Dieses Herangehen wollte ich mir aneignen. Natürlich ist es traurig, wenn jemand stirbt, der einem nahe stand – aber ich wollte positiv damit umgehen.“ 

Aber auch in ‚Nightmare Before Christmas‘ zeichnet er mit Halloween Town eine Welt der „Verstorbenen“ als skurrile Welt aus untoten Gestalten, Skelettmenschen, wie der heimliche Held Jack Skellington, und Wesen aus der Horrorwelt. Mit dem enthauptete Ritter aus ‚Sleepy Hollow‘ offenbart er ein verworrenes Bild zwischen lebendig und tot, oder in Burtons Musicalmeisterwerk ‚Sweeney Todd – Der teuflische Barbier aus der Fleet Street‘ bearbeitet er den Tod anhand von Rache: der Protagonist mordet, um so seine Seele vor seinem Zorn zu befreien. 

„Es gibt ja Kritiker, die mir vorwerfen, ich würde „nur“ Fantasy-Filme machen. Aber warum soll unsere Fantasie unwichtiger sein als die sogenannte Realität? In ‚Alice im Wunderland‘ zum Beispiel wird die Fantasie-Welt auf einmal Realität.“ 

Tim Burton bedeutet für mich eine andere Welt, die er zur Realität entfachtet. Denn ob es das viktorianische London ist, der amerikanische Kitschvorort, seine verschneite Version von Gotham City oder die Fantasiewelt in ‚Corpse Bride‘. Egal, was er tut, er schafft es wie kein zweiter, mich aus dieser Welt zu holen, so kreativ zu unterhalten und dabei auch noch wunderbare Botschaften zu vermitteln, die deutlich mehr als nur Fantasy bedeuten. Sie sind das Leben auf seine ganz eigene, bezaubernde Art und Weise. Und deswegen ist Tim Burton so wichtig. Für den Film, für die Kunst und nicht zuletzt für uns. 


Freitag, 12. Oktober 2012

“This is Halloween!”: Jack Skellington in Tim Burtons und Henry Selicks Halloween- und Weihnachtsmeisterstück ‚Nightmare Before Christmas‘.

The Nightmare Before Christmas
Animationsfilm | USA 1993 | FSK 6 | 72 Minuten | Regie: Henry Selick


Um Halloween und die Glühweinsaison zu eröffnen, gibt es von mir heute Tim Burtons ‚Nightmare Before Christmas‘, bei dem – um nichts misszuverstehen – Henry Selick Regie geführt hat. 

Weihnachten ist ein Fest, das uns zusammenbringen und Freude und „Besinnung“ bereiten sollte. Und als einst der Kürbiskönig Jack Skellington, der König von Halloween Stadt – dessen Einwohner im Grunde genommen etwas ganz anderes mit den Menschen vor haben als der Sinn des Weihnachtsfests, nämlich die Leute zu gruseln und zu erschrecken – in seiner Traurigkeit, im Halloween-Trott versunken und in den Vorbereitungen vom nächsten Halloween, quasi in seiner „Berufung“, keine Erfüllung mehr sehend, durch Zufall Weihnachten entdeckt, ist er ganz beflügelt von den weißen Flocken, die vom Himmel fallen, fasziniert von den bunten Lichtern und dem lebhaften Schmuck der Stadt und möchte es nunmehr nicht nur selbst feiern, sondern es sogar in die Hand nehmen – sprich: er möchte der neue Weihnachtsmann werden; von ihm – wie sich früher oder später herausstellt – fälschlicherweise als „Nikkigraus“ interpretiert. Um das Fest zu analysieren, zeigen die Macher Jack Skellington beim wissenschaftlichen Kopfzerbrechen, er sucht verzweifelt danach, Weihnachten zu begründen und zu deuten. Doch es läuft alles aus den Fugen. Weihnachten veranstaltet und zelebriert vom König des Halloweens kann – und wie eigentlich schon von Anfang an feststeht – nur im Chaos enden. Seine Freundin Sally fasst es bereits vor der Katastrophe in Worte: „Du siehst dir ja gar nicht mehr ähnlich! Du bist doch der Kürbiskönig!“ 

Was dieses bezaubernde Burton-Kunstwerk dem Zuschauer mit auf den Weg geben will, mag ebenso einfach wie herzergreifend sein: Wir brauchen nicht in allem verzweifelnd nach dem Grund suchen, denn das kann schnell in die Hose gehen. Wir brauchen auch nicht ständig nach etwas Neuem zu forschen, denn wir sind nicht zu allem bestimmt. Wir sollten uns selbst treu bleiben, uns dafür schätzen, was wir können, denn darin sind wir gut. Wir sind nicht für alles gemacht, aber sicherlich für irgendwas. Und wenn wir das tun, [Achtung Spoiler] wie uns das fabelhafte Ende zeigt [Spoiler Ende], dann können wir unsere Freude und unser Können sogar teilen und uns gegenseitig glücklich machen: In Halloween Town kann man sich an Weihnachten erfreuen und in Christmas Town kann man sich – mehr oder weniger, aber mit einem Augenzwinkern – an Halloween „erfreuen“. 

Abseits von seiner anmutigenden Bedeutung, die wir vielleicht nicht nur gerade zur Weihnachts- und Halloweenzeit gebrauchen könnten, halte ich ‚Nightmare Before Christmas‘ für ganz große Kunst. Die bis ins Detail verliebte Charakter- und Kulissengestaltung und Danny Elfmans geschriebene und komponierte Musik führt den Film in seine Atmosphäre der Vollendung. Neben Burtons ‚Batmans Rückkehr‘ das vielleicht Schönste, was man sich zur Weihnachtszeit filmisch antun kann. 



Mittwoch, 10. Oktober 2012

‚Take Shelter‘ – Die Psychose eines Mannes und der vielleicht eindringlichste Film des Jahres.

Take Shelter
Psychodrama | USA 2011 | FSK 12 | 125 Minuten | Regie: Jeff Nichols

Um es vorweg zu sagen: ‚Take Shelter‘ ist der vielleicht ergreifendste Film des Jahres. 
Die Art und Weise, wie nah Jeff Nichols an seinen von Alpträumen und Psychosen geplagten Protagonisten Curtis herangeht, ist außerordentlich. Doch ist es lediglich der Krankheitsprozess eines instabilen Mannes mittleren Alters, welchen Nichols uns in seinem Film nahebringen will? Ich denke nicht nur. Spätestens in Anbetracht des völlig narkotischen Endes, [Achtung Spoiler] in dem der Albtraum zur Realität wird, [Spoiler Ende] dürfte uns klar werden, was für ein beeindruckendes Bild uns der Regisseur hier vielleicht zu zeichnen versucht, welches uns nicht nur aufgrund seiner Schleierhaftigkeit in Erinnerung bleibt, sondern hiermit den kompletten Film in eine abstrakte Bedeutung wirft: Er will uns nicht nur sagen, dass das, was wir träumen, möglicherweise mehr Realität bedeutet als wir denken – denn der Traum ist ein Teil unserer Realität, wir träumen ja „real“ und verarbeiten die Realität. Aber vielmehr zeigt er uns beispiellos abstrakt, dass das Leben nur eine Psychose ist. Das Leben ist das, was wir wahrnehmen, und das, wie wir es wahrnehmen. Es ist ein einziges subjektives Erleben, wie es in unserem Kopf – also in unseren Träumen und Gedanken – stattfindet. 

Des Weiteren sollten wir an das amerikanische Familienbild denken: Wir sehen den Mann Curtis als melancholischen, angeschlagenen und alles andere als perfekt funktionierenden Mann und Familienvater. Weit entfernt von amerikanischen Konventionen des Familienbilds, in denen der Vater leitet, einwandfrei, stabil und bruchfest funktioniert. ‚Take Shelter‘ ist ein Film, der uns die Schwächen, die Ängste und Zerbrechlichkeit der Menschheit vor Augen führt, egal, ob ein kräftiger Maschinenarbeiter oder jeder andere. Ein Film, der die amerikanischen Familien-Gepflogenheiten zu brechen vermag und gleichermaßen die üblichen Thriller-Konventionen. 

Ganz davon abgesehen treibt Michael Shannon in der Hauptrolle von Curtis ein Schauspiel der Superlative, während David Wingos Musik meisterhaft wie aus einer anderen Welt ertönt. ‚Take Shelter‘ ist der vielleicht beste Film des Jahres und berührt durch sein erstaunliches Schauspiel, seine Einfühlsamkeit in seiner Schilderung und fasziniert durch seine audiovisuelle Inszenierung. 

„Sieht das außer mir noch jemand?“ 





Montag, 8. Oktober 2012

‚Resident Evil: Retribution‘: Alice macht‘s wieder.

Resident Evil: Retribution
Science-Fiction | USA 2012 | FSK 16 | 96 Minuten | Regie: Paul W. S. Anderson

Wer auch immer die ‚Resident Evil‘-Reihe noch ernst nehmen will oder auf derartiges wartet, ist selbst schuld; und wer sich noch über den fehlenden Scharfsinn aufregt, hat eigentlich schon verloren. Denn ‚Resident Evil‘ ist vernünftig genug, um darauf gar nicht erst Wert zu legen. Die Serie war und ist sinnfrei wie ein Staubfänger, der geradezu jede Sekunde genau wie ein solcher zu wirken erscheint: Hübsch anzusehen, aber jegliche Bedeutung erfüllt er nicht. Doch ich wage mich zu sagen: Das ist auch gut so. ‚Resident Evil: Retribution‘ nimmt sich zwar genau wie seine Vorgänger auf ganz niedliche Weise „ernst“, aber weiß daraus Profit zu ziehen, indem er uns ein Amüsement nach dem anderen entlockt. Wir ergötzen uns quasi am – in diesem Falle darf man wirklich sagen – ganz faszinierend herrlichen Stumpfsinn. Wieder geht es um nichts anderes als das Wiederfahren von Schwierigkeiten, nur um das nächste große Geballer einführen zu können, und Alice, gespielt von Latexkriegerin Milla Jovovich, schwingt die Knarren und sich selbst darin so gut wie sie es immer tat. Die Kritik an Pharmaexperimenten anhand der Überspitzung der Klontechnologie und der Entwicklung von Viren als Massenvernichtungswaffe ist dabei genauso wenig ausgearbeitet wie sinnvoll oder besonders überlegt eingesetzt. 

Paul W. S. Anderson eröffnet sein Feuerwerk mit einem unfassbar scharfen Intro aus durchdringender Zeitlupe und dramatisch dröhnendem Sound von Tomandandy. Alice erzählt uns: „Während die Welt immer schwächer wurde, wurde ich immer stärker“; und spätestens jetzt wird klar, was ‚Resident Evil‘ uns eigentlich die ganzen letzten Jahre zu zeigen versucht: Die Welt geht zu Grunde, die Frau überlebt. ‚Resident Evil‘ ist die Geschichte der modernen revoltierenden Frau, die sich sogar dem tödlichsten Virus und weltherrschenden Unternehmen selbst entgegen stellt. 

Seit dem fantastischen dritten Teil zwar der Schwächste, aber immerhin halte ich ‚Resident Evil: Retribution‘ für ein weiteres effektives Sequel meiner Lieblingsreihe für doofe Zombies. Franz Joseph I. sagte einmal: „Es war sehr schön, es hat mich sehr gefreut.“ ‚Resident Evil: Retribution‘ mag alles sein, aber ich hatte sehr Spaß, und wenn das „dumme“ Mainstreamkino das noch schaffe, ziehe ich meinen Hut. 

„Das ist die letzte Schlacht der Menschheit, der Anfang vom Ende.“ Ich warte.


Sonntag, 7. Oktober 2012

Von Adam und Evas Sündenfall zur apokalyptischen Kollision mit einer Billardkugel: ‚Doomsday Book‘ und die verlorene Hoffnung des asiatischen Kinobeitrags 2012.

Inryu myeongmang bogoseo
Science-Fiction | Südkorea 2012 | FSK 12 | 116 Minuten | Regie: Yim Pil-Sung, Kim Jee-woon

‚Doomsday Book‘ definiert in drei voneinander unabhängigen Geschichten das Weltende auf asiatische Satireart. Was anfangs nach einer Komödie der besonders blöden Art aussieht, steigert sich rasant zu einem gewöhnungsbedürftig skurrilen, zynischen Cluster zu den Stichworten Epidemie, Roboter und Apokalypse. In ‚Brave New World‘ zeichnet Yim Pil-Sung seine bizarre Interpretation zu Adam und Evas Sündenfall, in ‚Heavenly Creature‘ wird ein Roboter zum Heiligen und des Menschen Glauben zur endgültigen Mechanisierung. Beide Werke durchwachsen, wirken stellenweise hilflos und unausgereift und bleiben dem Zuschauer ebenso gleichgültig wie partiell bescheuert in Erinnerung. Dann erfolgt der Umbruch: Kim Jee-woons Beitrag ‚Happy Birthday‘ erscheint einem geradezu wie ein Kontrast. Überlegen, ausgetüftelt und allein visuell und erzählerisch durchweg schlagfertig beweist er der Welt – beinahe wie ein spöttischer Gegenpol – wie reifes, satirisches Kino aussieht: Er lässt die Welt anhand einer monströsen Billardkugel schonungslos untergehen und zeigt der ernsten Apokalypsentherie den Hintern. Doch selbst hier lässt sich nur erkennen, dass ‚Doomsday Book‘ mehr wie ein Experiment erscheint als wie ein ausgewachsener Beitrag des asiatischen Kinos im Jahr 2012. ‚Doomsday Book‘ bleibt eine Enttäuschung und ein Haufen wirkungsloser Satireideen aus Gewitzel und eher putziger Stichelei mit einem sogar ziemlich dürftigen Unterhaltungswert. Und wer will schon, dass der Weltuntergang verpönt wird?




Mittwoch, 3. Oktober 2012

Kommentarlose Bewertungen #3: September 2012.


Der Monat September verging wieder schneller als gewollt. Also, hier meine kommentarlosen Bewertungen des neunten Monats des Jahres 2012, von Hitchcock über die ersten Nouvelle Vague-Versuche bis zu Mike Leigh ist vieles dabei.

Sie küssten und sie schlugen ihn | Drama | Frankreich 1959 | FSK 16 | 99 Minuten | Regie: François Truffaut [9/10]

Kiss & Kill | Komödie | USA 2010 | FSK 12 | 101 Minuten | Regie: Robert Luketic [3.5/10]

Michael Bay’s Texas Chainsaw Massacre | Horror | USA 2003 | FSK 18 | 98 Minuten | Regie: Marcus Nipsel [6/10]

Wie angelt man sich einen Millionär | Komödie | USA 1953 | FSK 12 | 95 Minuten | Regie: Jean Negulesco [7.5/10]

Auf Wiedersehen, Kinder | Drama | Frankreich 1987 | FSK 6 | 104 Minuten | Regie: Louis Malle [6.5/10]

Sein oder Nichtsein | Komödie | USA 1942 | FSK 12 | 99 Minuten | Regie: Ernst Lubitsch [8/10]

Nacht und Nebel | Dokumentarfilm | Frankreich 1958 | FSK 16 | 32 Minuten | Regie: Alain Resnais [7.5/10]

Jane Eyre | Drama | Großbritannien 2011 | FSK 12 | 120 Minuten | Regie: Cary Fukunaga [8/10]

[●REC]³: Genesis | Horrorkomödie | Spanien 2011 | FSK 18 | 80 Minuten | Regie: Paco Plaza [4/10]

Abbitte | Drama | Großbritannien 2007 | FSK 12 | 123 Minuten | Regie: Joe Wright [8/10]

Vertigo – Aus dem Reich der Toten | Drama | USA 1958 | FSK 12 | 128 Minuten | Regie: Alfred Hitchcock [7/10]

Die Insel | Science-Fiction | USA, Russland 2005 | FSK 16 | 136 Minuten | Regie: Michael Bay [4/10]

Cocktail für eine Leiche | Thriller | USA 1948 | FSK 16 | 80 Minuten | Regie: Alfred Hitchcock [7/10]

Der unsichtbare Dritte | Thriller | USA 1959 | FSK 12 | 136 Minuten | Regie: Alfred Hitchcock [8/10]

Halt auf freier Strecke | Drama | Deutschland 2011 | FSK 6 | 110 Minuten | Regie: Andreas Dresen [6/10]

Bei Anruf: Mord | Thriller | USA 1954 | FSK 12 | 101 Minuten | Regie: Alfred Hitchcock [7.5/10]

Das Fenster zum Hof | Thriller | USA 1954 | FSK 12 | 112 Minuten | Regie: Alfred Hitchcock [8/10]

Prince of Persia: Der Sand der Zeit | Abenteuer | USA 2010 | FSK 12 | 116 Minuten | Regie: Mike Newell [4.5/10]

Hugo Cabret | Abenteuer | USA 2011 | FSK 6 | 127 Minuten | Regie: Martin Scorsese [8.5/10]

Pi | Thriller | USA 1998 | FSK 12 | 84 Minuten | Regie: Darren Aronofsky [4/10]

Pulse| Horror | Japan 2001 | FSK 16 | 114 Minuten | Regie: Kiyoshi Kurosawa [5.5/10]

Millions | Abenteuer | Großbritannien, USA 2004 | FSK 6 | 99 Minuten | Regie: Danny Boyle [6.5/10]

Joint Security Area | Thriller | Südkorea 2000 | FSK 16 | 110 Minuten | Regie: Park Cahn-wook [7/10]

Die Verachtung | Drama | Frankreich, Italien 1963 | FSK 16 | 102 Minuten | Regie: Jean-Luc Godard [6/10]

Belle de Jour – Schöne des Tages | Drama | Italien, Frankreich 1967 | FSK 18 | 101 Minuten | Regie: Luis Buñuel [9/10]

Ein andalusischer Hund | Stummfilm | Frankreich 1929 | FSK 16 | 16 Minuten | Regie: Luis Buñuel [9/10]

Das Gespenst der Freiheit | Komödie | Italien, Frankreich 1974 | FSK 16 | 103 Minuten | Regie: Luis Buñuel [6/10]

Tetsuo – The Iron Man | Horror | Japan 1989 | FSK 18 | 69 Minuten | Regie: Shinya Tsukamoto [9/10]

Citizen Kane | Kriminalfilm | USA 1941 | FSK 12 | 114 Minuten | Regie: Orson Welles [8/10]

Vera Drake | Drama | Großbritannien, Frankreich 2004 | FSK 12 | 126 Minuten | Regie: Mike Leigh [8/10]

Happy-Go-Lucky | Komödie | Vereinigtes Königreich 2008 | FSK 6 | 118 Minuten | Regie: Mike Leigh [4/10]

Another Year | Drama | Großbritannien 2010 | FSK 0 | 129 Minuten | Regie: Mike Leigh [7/10]

Gesprengte Ketten | Historienfilm | USA 1963 | FSK 12 | 165 Minuten | Regie: John Sturges [5/10]

Jenseits von Eden | Drama | USA 1955 | FSK 16 | 115 Minuten | Regie: Elia Kazan [8.5/10]

Dienstag, 2. Oktober 2012

Howard Hawks‘ ‚Leoparden küsst man nicht‘ und die beste Komödie der Welt.

Bringing Up Baby
Komödie | USA 1938 | FSK 6 | 102 Minuten | Regie: Howard Hawks

“There is a leopard on your roof and it's my leopard and I have to get it and to get it I have to sing.” Howard Hawks jongliert mit Geschlechterrollen, einem Dinosaurierskelett und einem oder zwei Leoparden. Wie Hawks uns mit einer Umkehrung der Rollenkonstellation Mann-Frau durch die Vernichtung des typischen Bildes der Manneskraft anhand eines tapsigen Cary Grants, der seine Männlichkeit letzten Endes verzweifelnd und vollständig zu verlieren droht, indem er uns in plüschigem Damenfummel vorgeführt wird, gegenüber einer beherrschenden Katharine Hepburn ein völlig kurioses Spiel der Komik aufführt, ist sagenhaft. Ein schlagfertiger Wortwitz folgt dem nächsten, während der schräge Aufprall zweier lieblicher Gegenpole immer kauziger wird, und Hawks uns am Ende dennoch gefällig bekennt, dass das Chaos manchmal in der Tat zur unerwarteten Bestimmung führt. Die beste Komödie aller Zeiten.